Menschenkind, merk eben, was da sei dein Leben …

Adventszeit – die Wochen vor dem Weihnachtsfest bieten eine Reise. Es ist eine Wanderschaft zur Krippe in Bethlehem. Es scheint ein kurzer Weg zu sein – vier Wochen sind es nur. Eine kurze Zeit ist dies für den hektischen Takt unserer Tage. Ankommen unterm Weihnachtsbaum – das gelingt fast allen, so anstrengend die Adventswochen sein mögen, und so abgehetzt man sich am Ende fühlen mag. Aber ob man damit an der Krippe in Bethlehem ankommt, ob das eigene Herz selbst zur Krippe wird, wie Paul Gerhardt dichtet, steht auf einem anderen Blatt. „So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden. (EG 37 Ich steh an deiner Krippen hier).

Adventszeit – sie eröffnet eine Reise. Im eigentlichen Sinn ist es eine Zeitreise hin zur Mitte und zur Fülle der Zeiten. Erfahrbar wird sie als eine Wanderung in vielen Schichten und Windungen, wie ein Weg in Serpentinen. Die Zeit wird gefaltet, ineinandergelegt, konzentriert, verdichtet. Der Advent regt an jeder Windung dazu an, die Fülle an einer beliebigen Stelle zu entfalten und zu spüren, wie sich Puls und Rhythmus verlangsamen. Darin kann man sich als Menschenkind erleben. Man kann wieder merken, was das Leben ausmacht und erfüllt mit dem, was an Bedürfnissen und Sehnsüchten in uns verschüttet ist. Funktionieren im hektischen Alltag – das erfordert meist, dass wir nicht spüren, was wir entbehren aber benötigen, um Mensch zu sein. Jedes Weihnachtslied, jedes weihnachtliche Gedicht trägt eine Vielzahl an Schichten und gefalteter Fülle in sich.

Die Stelle, an der wir etwas davon beispielhaft entfalten, ist an diesem 1. Dezember ein uraltes Lied. Es findet sich noch heute im Gesangbuch als Adventslied unter der Nummer 5 „Gottes Sohn ist kommen uns allen zu Frommen“. Es ist ein Lied mit einer langen Geschichte.    

 

Die Reise beginnt

Die Reise beginnt im fernen Mittelalter in Böhmen – im heutigen Tschechien.
Seit dem Jahr 1259 steht dort die Zisterzienserabtei Vyšší Brod – auf Deutsch Hohenfurth.
Der böhmische Oberstmarschall Wok von Rosenberg hatte das Kloster gegründet und mit zwölf Mönchen aus dem Stift Wilhering bei Linz besiedelt.
Nach der Überlieferung soll Wok das Kloster aus Dankbarkeit für seine Errettung aus den Fluten der Moldau errichtet haben.

Irgendwann entstand in diesem Kloster die Melodie eines Marienliedes. Im Jahr 1410 wurde sie bekannt unter dem Namen „Ave hierarchia celestis et pia“.

Ave hierarchia celestis et pia

 

Die Überlieferung der Melodie wird weitergetragen von den Böhmischen Brüdern, zu deren Tradition auch unsere Partnergemeinde in Třebíč gehört.

Nach 1522 wurde Michael Weiße, ein ehemaliger Franziskaner aus Breslau, Prediger in der Brüderunität im deutschsprachigen Landskron. Weiße hatte sich der Lehre Martin Luthers angeschlossen. Deshalb musste er Breslau verlassen.

Große Bedeutung erlangte Weiße mit der Herausgabe eines Gesangbuches mit Kirchenliedern. Es erschien 1531 unter dem Titel „Ein New Gesengbuchlein“. Es enthält 157 deutsche Lieder, von denen 137 Eigendichtungen oder Umarbeitungen Weißes sind; die meisten Melodien stammen aus der tschechischen Tradition der Böhmischen Brüder. Dieses erste deutschsprachige Gesangbuch der böhmischen Brüderunität ist mehrfach nachgedruckt worden und wirkte anregend auf weitere Werke dieser Art. Zu der damals über 100 Jahre alten Melodie erschien in diesem Gesangbuch der Text „Menschenkind merk eben“.

Das Lied „Menschenkind merk eben“ findet als evangelisches Adventslied Verbreitung.
So begegnet es in der Sammlung "Musikalischer Lustgarten" des schlesischen Lautenisten Esaias Reusner der Ältere aus dem Jahr 1654.
Diese Sammlung von über 100 evangelischen Chorälen mit Lautensatz erschien in Breslau, der Stadt, die Michael Weiße über hundert Jahre zuvor wegen seines evangelischen Glaubens verlassen musste.

Reusner ging es in seinem Werk um die heilsame Wirkung dieser Musik: "Denn die Music ist es / welche Gott lobet / die Menschlichen Hertzen zu allem guten beweget und anreizet / die Trawrigkeit vertreibet / die Teuffel betrübet und verjaget, / die Kranken Curiret und gesund machet."

Esaias Reusner d.Ä. - Menschenkind merk eben

 

Im Jahr 1544 erschien eine Neuauflage des Gesangbuchs der Böhmischen Brüder - die nächste Etappe unserer adventlichen Reise. Es enthielt 32 neue Lieder. Die Melodie des Liedes „Menschenkind merk eben“ erschien mit einem neuen Text: „Gottes Sohn ist kommen uns allen zu Frommen hier auf diese Erden“ – der Text stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem Nachlass von Michael Weiße. Er war im Jahr 1534 verstorben. Dieser Liedtext findet sich noch heute im Evangelischen Gesangbuch (EG 5)

  1. Gottes Sohn ist kommen
    uns allen zu Frommen
    hier auf diese Erden
    in armen Gebärden,
    daß er uns von Sünde
    freie und entbinde.

    2. Er kommt auch noch heute
    und lehret die Leute,
    wie sie sich von Sünden
    zur Buß sollen wenden,
    von Irrtum und Torheit
    treten zu der Wahrheit.

    3. Die sich sein nicht schämen
    und sein’ Dienst annehmen
    durch ein’ rechten Glauben
    mit ganzem Vertrauen,
    denen wird er eben
    ihre Sünd vergeben.

 

Das Lied entfaltet mit diesem Text selbst die Fülle der Zeiten: Vergangenheit - „Gottes Sohn Ist kommen“ (Strophe 1), Gegenwart - „Er kommt auch noch heute“ (Strophe 2), Zukunft - „Wird von dannen kommen“ (Strophe 7). Am Anfang wird das Kommen des Herrn auf die Erde „in ärmlichen Gebärden“, also in Armut, beschrieben -  Christus befreit und entbindet von Sünde und Not. Strophe 2 ruft zur Buße. In Strophe 3 wird Vergebung zugesagt für jene, die glauben und vertrauen. Die Sakramente werden als Geschenk empfangen (Strophe 4), Die Frommen können im Blick auf die Zukunft freudig „von hinnen scheiden“ (Strophe 5) und dem Jüngsten Gericht (Strophe 5) entgegengehen. Die Strophen 6 bis 9 entfalten das Gleichnis vom Endgericht aus Matthäus 25.

J.S. Bach, Elias Gottlob Haußmann, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Rund zweihundert Jahre später begegnet das Lied bei Johann Sebastian Bach als Choral BWV 318. Der Bach-Forscher Christoph Wolff vermutet, dass dieser Choral ursprünglich als Schlusschoral der Bach-Kantate „Machet die Tore weit“ am 1. Adventssonntag vorgesehen war. Überliefert worden ist der Choral ohne Text.

 

So ist in einem einzigen Lied aus unterschiedlichen Zeiten eine Fülle an Geschichte und Gehalt zu finden. Eine kleine Strecke der Reise durch die Zeit haben wir nun begleitet.

Jedes Singen des Liedes mit Herz und Mund fügt der Reise dieser Weise durch die Zeit ein neues Element hinzu. Jedes bewusste Singen führt einen Schritt näher zur Krippe hin.

 

Gute Reise und gutes Ankommen!