‚Gemeinde’ ohne Kirche
Das Gebiet der Verstreuten Reformierten umfasst die Landkreise Diepholz, Nienburg und Verden, eine Fläche von 4.200 qkm im Herzen Niedersachsens. Auf diesem Gebiet wohnen knapp 1000 Mitglieder der Ev.-ref. Kirche in einem lutherisch geprägten Umfeld. Der nächste ‚reformierte Kirchturm‘ steht in Osnabrück, Bremen oder Hannover. Eigene Gebäude haben wir nicht, wir genießen die Gastfreundschaft lutherischer Gemeinden.
Im Wesentlichen sind wir derzeit an drei Orten zu Hause: Nienburg (40 Jahre), Verden (20 Jahre) und Eystrup (15 Jahre).
In Nienburg und Verden feiern wir abwechselnd monatlich Gottesdienst (mit anschließender legendärer Kuchenschlacht – formal ‚Gemeindebegegnung‘ genannt). Eystrup liegt im Zentrum der drei Landkreise und ist Basis für unsere Seminartage, die zwei bis dreimal pro Jahr stattfinden.
Seit gut 10 Jahren gehört zudem eine 4-5tägige Reise unter dem Motto ‚reformiert in …‘ zum festen Programm. Die Reisen nutzen wir, um Reformierten in anderen Gebieten zu begegnen (in der Grafschaft Bentheim, in Lippe etc.).
Im Sommer gönnen wir uns ein ganztägiges Fest, für das wir uns einen besonderen Ort suchen.
Wir feiern Gottesdienst auf einem Bauernhof, in einer restaurierten Mühle, einer Straußenfarm oder in alten Klostermauern.
Nach einem gemeinsamen Mittagessen, verschiedenen Angeboten wie Vorträge, Führungen, offenes Singen etc. endet das Fest mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken und einem Reisesegen.
Diese Aktivitäten bilden das Grundgerüst für das Gemeindeleben.
Zusätzlich ist es jederzeit möglich, den Bedarfen der Mitglieder zu entsprechen:
Wir feiern anlässlich von Taufen, Trauungen und Todesfällen dort, wo die Menschen zu Hause sind, in der Kirche am Wohnort oder an einem Wunschort.
Die Arbeit ist also eine Mischung aus festen Standorten und einem hohen Maß an Flexibilität.
Sie bindet einen Kern von Personen, die nahezu alle Angebote wahrnehmen und anderen, die je nach Ort oder Gelegenheit dazu kommen.
Ziel der Arbeit ist es, den Menschen (im Wortsinn) entgegenzukommen, Möglichkeiten zur Begegnung zu schaffen und einen Zugang zum Glauben durch reformierte Prägung zu stärken oder zu gewinnen.
Viele Mitglieder der Ev.-ref. Kirche fühlen sich aus unterschiedlichen Gründen in den lutherischen Gottesdiensten und Kirchengemeinden nicht gut aufgehoben.
Die Verstreuten Reformierten können ein – wenn auch ungewöhnliches – Zuhause bieten.
Die zahlreichen Möglichkeiten der Begegnung werden besonders geschätzt und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Erstaunlicherweise führt das nicht zu einer ‚Wagenburgmentalität‘, denn es kommen durch den Wechsel der Veranstaltungsorte immer wieder andere Menschen dazu.
Viele Gespräche beginnen mit ungläubigem Staunen:
„Was, Sie kommen auch aus der Grafschaft Bentheim? Das ist ja interessant … dann kennen Sie vielleicht ...“
Als Pastorin (50%) ist meine Arbeitskraft gemessen an der Größe des Gebietes eine Herausforderung.
Die Entlastung von vielen Aufgaben, die in Zusammenhang mit der Nutzung von eigenen Gebäuden steht, empfinde ich als Segen.
Meine Arbeitskraft steht in einem hohen Maß für die Vorbereitung von Gottesdiensten und der Seelsorge zur Verfügung.
Auch die finanziellen Mittel sind auskömmlich, da wir keine Gebäude unterhalten müssen.
Mit Mietzahlungen beteiligen wir uns gern daran, die Baulasten der gastgebenden Gemeinden zu tragen.
Natürlich ist die große Fläche ein Problem. Nicht alle Gebiete können zufriedenstellend abgedeckt werden. Mal Hirtin zu sein und mutig voranzugehen, mal Hütehund, damit die Herde zusammenbleibt, so würde ich meine Aufgabe beschreiben. Wie viele Gemeinden leiden wir darunter, dass kaum Menschen aus den jüngeren Generationen dauerhaft zu uns finden. Auch können nicht alle Bedarfe berücksichtigt werden. Wer nicht mobil ist, den erreichen wir nur in Einzelfällen (Jugendliche, Hochbetagte etc.).
Das Konfirmand/inn/enseminar hatte ich in meiner Zeit als Pastorin coll. in Lüneburg (1998-2000) kennen- und liebengelernt. In den Landkreisen Diepholz, Nienburg und Verden hatten wir in den 2000er Jahren nur ein kleine Handvoll Konfirmandinnen und Konfirmanden, so dass sich die Zusammenarbeit mit einem Kollegen in Hannover anbot. Ähnlich wie in Lüneburg bauten wir ein Seminarprojekt für Konfirmandenunterricht auf. Die Konfirmierten nutzen gern die Gelegenheit, weiterhin mitzufahren. Zum Teil hatten die Jugendlichen ein eigenes Programm, zum Teil bereiteten sie Freizeitaktivitäten oder Unterrichtseinheiten für die Konfirmand/inn/en vor. Sie wuchsen mit ihren Aufgaben und genossen großes Vertrauen bei den Jüngeren. Für die Hauptamtlichen war das eine wunderbare Entlastung. Im Rückblick würde ich sagen, dass diese Form der Arbeit mit Konfirmand/inn/en und Jugendlichen ein sehr hohes Maß an kirchlicher Verbundenheit bei den jungen Menschen erzeugt hat, unabhängig von kirchlichen Gebäuden. Die Reduktion der Pfarrstelle für Verstreute auf 50% einerseits und der Rückzug der Kirchengemeinde Hannover andererseits führten dazu, dass das erfolgreiche Modell nach einigen Jahren eingestellt werden musste.
Natürlich darf man nicht unterschätzen, dass Gebäude im Leben vieler Gemeindemitglieder eine wichtige Rolle spielen: die Kirche, in der ich geheiratet habe, in der meine Kinder getauft und konfirmiert wurden etc.
Doch kirchliches Leben ohne eigene Gebäude ist möglich und bietet auch Vorteile.
Der Erlös aus dem Verkauf des Gebäudebestandes kann finanzielle Mittel freisetzen, um Räumlichkeiten anzumieten, die dem jeweiligen Bedarf entsprechen.
Denn auch das Problem kennen viele Gemeinden: Die Räumlichkeiten, die zur Verfügung stehen, sind zu groß, sanierungsbedürftig oder einfach nicht attraktiv.
Die Trennung von solchen Immobilien kann der Entlastung Ehrenamtlicher (und Hauptamtlicher) dienen, die sich um Verwaltung, Pflege und Erhaltung der Bauten kümmern (müssen).
Der Verkauf von Gebäuden ist eine Entscheidung, mit der viele Gemeinden sich sehr schwer tun, zu recht.
Bei drastisch steigenden Unterhaltskosten und nachlassendem (qualifizierten) ehrenamtlichen Engagement ist die Veräußerung am Ende vielleicht die einzige Möglichkeit, eine Gemeinde vor dem Kollaps zu retten.
Und die Erfahrung zeigt, dass auch eine große Last von den Schultern der Verantwortlichen abfällt, die neue Energie freisetzen kann.
Nach der Neueinrichtung an einem anderen Ort fragt man sich – wie so oft nach großen Veränderungen: Warum haben wir das nicht schon viel früher gemacht?!
Antje Donker, Pastorin für Verstreute Reformierte

